Wolfenstein 2 begeistert mit Charakterdesign und Storytelling.

Brilliante Charaktere und emotionale Geschichte gemixt mit brutaler Gewalt, urkomischen, sowie tieftraurigen Momenten. All das bietet Wolfenstein 2: The new Colossus. Auch für Schieswütige und Ballerbegeisterte bietet Wolfenstein ein ordentliches Arsenal an Spielzeug, das zum austoben einlädt. Wer gerade nicht mit der Laserpartikelpatrone Wände schmilzt und sich etwas Zeit nimmt um sich einfach mal unzuschauen wird wunderschöne Areale finden, welche die alternative Geschichtswelt wunderbar zum Ausdruck bringt.

Eine der allergrößten Stärken des Storyknallers sind die irrealen Momente in denen wir Einblick erhalten in eine Welt wie sie hätte sein können. Ich stand staunend für über mehrere Minuten einfach nur da und beobachtete einen schwadronierenden Ordnungshüters der sich auch sicher sein wollte, dass die lauschenden Passanten ihm genügend Respekt entgegenbringen. Diese scheinbar unschuldige, ja alltägliche, Stituation wirkte jedoch komplett surreal. Denn der Ordnungshüter war ein Nazi Wachsoldat in voller Montur und die lauschenden Passanten zwei Mitglieder des Ku Klux Klans. Und das mitten auf einer öffentlichen Straße in Roswell, New Mexico! Was wie ein schlechter „laufen ein Priester und ein Artzt in ne Bar“ Witz klingt ist in Wolfenstein blutiger ernst. Denn dieses Jahr bringt uns Wolfenstein 2 nach:

Amerika

Die Welt wurde germanisert. Amerika ist nicht mehr das stolze, starke Land welches wir heute kenn sondern unterdrückt und besetzt. In den Restaurants gibt es „germanisches“ Essen , deutsche Musik ist überall und deutsche Film haben das Monopool. Wer sich an die neue Weltordnung gewöhnen kann und nach der Pfeife der Nazis tanzt hat kein Problem. Trotzdem gibt Amerika einen beeindruckenden Schauplatz ab. Während wir zum Beispiel durch eine Stadt bummeln ist das Amerikanisch Flair geradezu auf der Zunge spürbar. Auch in einer von Atombomben zerstörten Stadt finden wir allerlei Wahrzeichen welche uns nicht einen Moment lang vergessen lassen, dass wir uns nicht in einem Städtchen in Osteuropa befinden sondern im Besatzungsgebiet U.S.A.

Story in nem Shooter? Oh ja!

Die Story von Wolfenstein 2 hat mich komplett überrollt. Nicht wie ein überladenen Einkaufswagen sondern wie ein rasender Güterzug. MachineGames werfen mit Tabus nur um sich und schrecken auch nicht vor brutalster Gewalt um den Aha Moment zu erzeugen. Doch das funktioniert auch nur deshalb so verteufelt gut weil die absolut bitterernsten, teilweise abscheulichen Szenen, sich spielerisch abwechseln mit urkomischen Situationen. Beispielsweise erzählt uns eine gerettete Wiederstandskämpferin von den abscheulichen Schrecken welche der Atomkrieg über Amerika brachte. Die exakt darauffolgende Szene zeigt einen der Geretteten wie er vor Freude in Extase verfällt, weil es an Bord unseres U-Boots ein Klo gibt. Er fällt auf die Knie und beginnt das Klo zu lobpreisen und Gott für dieses funktionsfähige Klo zu danken. Es könnte kaum abstruser sein.

Zwischen den Missionen können wir dass aus dem ersten Teil entwendete Nazi U-Boot erkunden, dass als Basis dient. Unglaublich detailliert und atmosphärisch schließen wir es schnell ins Herz. Leider ist es so groß und Umfangreich dass wir uns schnell einmal verlaufen können und auf der Suche nach einer bestimmten Person gut und gerne Zehn Minuten durch den Stahlrumpf irren.

Eine weitere große Stärke ist das die Story nicht gewaltsam in den Vordergrund gerückt wird. Vieles erfahren wir nur wenn wir den äußerst unterhaltsamen Gesprächen lauschen welche sowohl unsere Freunde als auch unsere Feinde führen. Sind wir aufmerksam merken wir dadurch auch wieviel Charakter in den Charakteren steckt. Zum Beispiel der tierliebe, etwas dumme Max Hass der einfach nur will dass sich alle miteinander vertragen und niemandem etwas Böses passiert. Oder die trotzige Sigrun Engel die die wahre Liebe sucht und endlich akzeptiert werden will als wer sie ist.

Und natürlich auch wir selbst B.J. Blazkowicz mit unserem stetigen Drang Anja zu beschützen und dem Motto „schlafen kann ich auch noch wenn ich Tod bin“. Trotzdem bleibt „Killer-Billy“ im zweiten Teil keinesfalls der abgebrühte Actionheld wie Bruce Willis in stirb langsam. In sehr emotionalen Rückblicken erfahren wir erstmals etwas über Williams Kindheit und müssen uns mehrfach damit auseinandersetzten. Dadurch lernen wir ihn auch viel besser verstehen und können seine Motive und Gefühle Nachempfinden. Aus einem Actionheld ist ein Mensch geworden.

Auch in unseren Feind bekommen wir einen sehr guten Einblick. Teilweise durch belauschte Gespräche, aber auch durch Briefe, die wir überall in der Spielwelt verteilt finden. Dadurch bekommen wir eine persönlichern Eindruck welcher uns aufzeigt das es auch in Wolfenstein zwei Seiten einer Medaille gibt.

Unser neuer Gegenspieler ist General Engel, eine passende Nachfolgerin zu General Totenkopf. Ihre psychopathische Brutalität und ihr widerlicher „Humor“ verstärkt unsere Abneigung gegenüber dem Regime noch zusätzlich. Ihr Charakter ist so abscheulich, dass allein ihre Stimme uns schon die Galle hochsteigen lässt. Gepaart mit einer unglaublich verzweigten Geschichte und Plot Twists vom Kaliber eines Fight Club, ist Wolfenstein 2 der absolute Storykönig 2017.

Anspruchsvolles Gameplay oder doch nur Rumgeballer?

Wolfenstein 2 hat einen knackigen Schwierigkeitsgrad. Selbst auf Normal oder „Bitte tu mir nicht weh“ werden wir ziemlich schnell aus den Latschen geballert, wenn wir uns überschätzen. Und das kann leicht passieren denn wenn wir mit zwei schlagkräftigen Schrotflinten herumballern ist es schwer nicht jede Vernunft fahren zu lassen. Doch genau diese Vernunft brauchen wir um in jeder Situation die richtige Waffe bereit zu haben.

Lieber eine schallgedämpfte Pistole für den nervigen Offizier, oder es mit der Laserkanone doch lieber darauf ankommen lassen? Wolfenstein 2 lässt uns alle Entscheidungsgewalt, was auch an dem Verbesserungssystem sichtbar wird. Haben wir im Level verteilte Upgradesets gefunden können wir unsere Waffen ganz nach unserem persönlichen Spielstil anpassen. Wir kämpfen lieber aus der Ferne? Wie wärs mit kugelbrechnender Munition samt Zielfernrohr für unser Sturmgewehr? Wir setzten lieber auf schleichen? Ein Schalldämpfer für die Maschinenpistole wirkt da Wunder.

Es gibt auch noch ein Verbesserungssystem welches sich Skyrim artig auf die Bereiche auswirkt, welche wir am meisten verwenden. Exekutieren wir beispielsweise gerne Gegner mit unserer Axt in wunderschön brutalen Steahlkills , so bekommen wir mit der Zeit mehr Wurfäxte und verursachen mehr Schaden. Das System funktioniert wirklich gut, motiviert jedoch eher dazu bei einer Vorgangsweise zu bleiben anstatt neue auszuprobieren.

Negativ ist mir auch die Schleichmechanik aufgefallen. Es ist komplett unklar wann uns Gegner entdecken und teilweise auch warum. Sind wir einmal von einem Gegner entdeckt worden wird auch sofort und unaufhaltsam der Alarm ausgelöst der jegliche weitere Bemühungen zunichte macht. Denn dann weiß jeder Gegner sofort Bescheid, wo wir uns aufhalten. Praktisch ist das Schleichen oft nur um einige wenige Gegner und, im Idealfall, einen Offizier auszuschalten. Wirkliche Schleichpassagen wie in einem Splinter Cell wir man eher weniger finden. Außerdem gibt es auch fast keine Ausrüstung, welche das leise Gameplay unterstützt außer Schalldämpfer für zwei von acht Waffen.

Sorgenkind Leveldesign

Wo bin ich? Wieso sieht alles gleich aus? Wo zur Hölle muss ich hin? Diese Fragen stellten sich mir in Wolfenstein 2 immer und immer wieder. Meistens war der Ablauf ungefähr so: geschlossenen Abschnitt betreten, 5 Minuten lang Gegner herrlich abschnetzeln und dann für 10 minuten total entnervt nach dem Weg suchen. Klar kann man jetzt sagen das ist ein Teil des Spiels den Weg zu finden und Rätsel zu lösen. Damit habe ich auch kein Problem und einige der cleveren Rätsel haben auch total Spass gemacht. Problematisch wurde es für mich an dem Punkt an dem Level einfach überall gleich aussahen und ich mehrmals im Kreis herumirrte bevor es mir überhaupt auffiel. Ich erinnere einfach mal an das Level in der zerstörten Stadt und wie unübersichtlich das Leveldesign in den Ruinen teilweise war. Damit möchte ich aber nicht Wolfenstein 2 allgemein kritisieren. Viele Level sind wunderschön detailliert und übersichtlich. Es gibt eben nur leider einige Sorgenkinder die den Spielspaß etwas mildern.

Verräter? Jude? Oder beides?

Ein bereits im ersten Teil prekäres Thema stellt natürlich auch diesmal die Zensur dar. Erstmal zum wichtigeren Teil: Nein es gibt keine Zensur von Gewalt und es musste auch kein Spielinhalt darunter leiden. Uns stehen alle Level zur Verfügung, lediglich was alles was auf die Nationalsozialisten verweist wurde verändert. Und das teilweise auf sehr „spezielle“ Weise. Was ich damit meine? Nunja Führer Hitler, verzeihung Kanzler Heiler hat seinen Pornostrich verloren. Ja richtig aus Hitler wurde Heiler, was ja mal nebensächlich betrachtet  in die komplett Falsche Richtung verweiset, und das Schneuzerchen musste dran glauben. Mit diesen „drastischen“ Maßnahmen wollten MaschineGames wohl den Verfassungsschutz besänftigen. Ansonsten sehen wir keinerlei Hakenkreuze, sondern Dreieckes Symbole, und lesen auch nichts vom Deutschen Reich sondern nur von Germanien oder dem Regime.

Fazit

Wolfenstein 2 ist definitiv der Storykracher 2017. Mit einer atemberaubend guten Storyline, tiefgründigend Charakteren, die den Spieler sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringen, und einem motivierenden Gameplay liefert MaschineGames ein absolutes Meisterstück. Es kann sich definitiv mit Storyklassikern wie Bioshock oder The Last of Us messen und gehört daher für mich zum absoluten Must-Have 2017. Kaufempfehlung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.